Oratorienverein Plochingen

e.V. 1922

Sinfonische Größe und vocale Höhenflüge Kammerorchester und Oratorienverein glänzen beim gemeinsamen Konzert

VON  RAINER  KELLMAYER

Zu Lebzeiten war Charles H. Parry in anerkannter, oft aufgeführter   englischer  Komponist, der die Musi­k seines Landes um die Jahrhundertwende wesentlich beeinflusste. Nach seinem Tod im Jahr 1918 ver­sanken seine Werke fast ausnahms­los in der Vergessenheit. Doch seit einigen Jahren erlebt Parrys Oeuvre eine Renaissance. Beim Kon­zert von Oratorienverein und Kammerorchester Plochingen kamen in der Stadthalle gleich zwei seiner Werke zur Aufführung.

Mit den traditionellen biblischen Oratorien konnte Parry nicht viel anfangen. Seinen Psalm für die Ar­ten „The Soul's Ransom" gestaltet er in der Form einer ethischen Kan­tate mit unterlegten biblischen Tex­ten. Die Komposition überzeugt handwerklich: Der Chorsatz ist opulent und dramatisch klar kon­zipiert, die melodische Verarbei­tung geht - unterstützt von der ein­gängigen Harmonik - leicht ins Ohr. Somit hatte der Oratorienver­ein Plochingen dankbare Aufgaben zu meistern.

Dass Chorleiterin Heidrun Speck den Chor in solider Probenarbeit fit gemacht hatte, hörte man ins­besondere bei der klaren Textaus­sprache und den präzise gesetzten Einsätzen. Da die Chorstimmen gut ausbalanciert waren und sich des Forcierens enthielten, geriet man nie in die Gefahr, dass der Klang „breiig" oder in der Lautstärke überdreht wirkte. In die austarierte Balance passte sich auch das zuver­lässig begleitende Kammerorchester Plochingen ein, das zwar über weite Strecken wichtige Instrumen­talpassagen zu bewältigen hatte, dem Chorklang jedoch stets den nötigen Freiraum ließ.

In diesen harmonischen Kontext waren die Gesangssolisten Sophie Sauter (Sopran) und der Bassist Reinhold Schreyer-Morlock nahtlos integriert. „Why are you so fe­arful" zelebrierte die Sopranistin mit hellem, strahlendem Organ, und auch im Wechsel mit dem Chor gesungenen „So I prophesied" be­geisterte ihre in allen Lagen gut ge­führte Stimme. Der Bassist stand ihr da kaum nach, deklamierte seine Soli klar und setzte seine zwar nicht besonders voluminöse, jedoch sehr tragfähige Stimme in idealer Weise ein.

Eingangs hatte das Kammerorchester Plochingen die letzte und einzige der fünf Sinfonien Parrys die sich durchsetzen konnte, die „Sinfonia Phantasia 1912", ge­spielt. Zwar war unüberhörbar, dass Parry hier rückwärtsgewandt komponiert hatte, sich stark an den Vorbildern des Barocks und den kompositorischen Größen des 18. und 19. Jahrhunderts orientierte.

Doch in puncto melodischer Verarbeitung und formaler Gestal­tung zeigte der Künstler durchaus eigene Wege auf. Dazu kam, dass Bertram Schade seine tüchtigen Amateurmusiker mit klarem Schlag auf Kurs hielt und dynamisch klug staffelte. Heraus kam dabei eine achtbare Wiedergabe, welche die Vorzüge des Kammerorchesters Plochingen im besten Licht erstrah­len ließ.        rk

Plochinger Nachrichten 29.Oktober 2015